Der Winter
Meine ersten Schuljahre verbrachte ich in der
Marktschule in Norden. Es handelte sich dabei
um ein massives Backsteinhaus, erbaut 1861.
Deutlich erkennbar an der Tafel über den Eingängen, in die das Baujahr in römischen Ziffern
eingearbeitet war.
Natürlich waren wir Kinder zu der Zeit noch nicht in der Lage, in diesen Buchstaben Zahlen zu
erkennen, später dann aber schon.
Die Schule bestand aus wenigen Zimmern.
Disziplin wurde erwartet und auch konsequent durchgesetzt.
Verlassen wurde die Klasse zur Pause, oder auch zum Unterrichtsende nur in geschlossener Formation.
Genauso wurde die Klasse auch wieder betreten.
Sollte sich ein Schüler oder eine Schülerin wagen, sich dieser Ordnung zu widersetzen, oder sich in
anderer Weise nicht an die Regeln halten, wurde sofort mit dem Rohrstock gezüchtigt.
Das wäre in der heutigen Zeit undenkbar und würde mit Sicherheit zu einer Anzeige gegen den Lehrer
führen.
Uns hat es damals aber nicht geschadet.
Beheizt wurden die einzelnen Klassen im Winter mit einer Koksheizung.
In sehr frostigen Wintern kam die Heizleistung oft an ihre Grenzen, sodass unsere Mutter uns dann
mit einem zusätzlichen Kleidungsstück in die Schule schickte.
Dieses Teil wurde als Brustrock bezeichnet und war eigentlich ein aus dicker Wolle gestrickter,
ärmelloser Pullover, der unter den eigentlichen Klamotten getragen wurde.
Für unsere Füße gab es zwar auch noch ein zweites Paar Socken, die aber oftmals nicht ausreichten,
bei dem kalten Boden die Füße über die Stunden des Unterrichts warmzuhalten.
Dann freuten wir uns darauf, unsere Füßchen nach dem Unterricht im Backraum des Küchenofens wieder
aufwärmen zu können.
Der Winter war für uns Kinder zwar oftmals reizvoll, aber wir litten auch in dieser Zeit unter der
erbarmungslosen Kälte in unserem unbeheizten Schlafzimmer und den klammen Betten.
Eisblumen in wundervollen Formen schmückten unsere Fenster mit Einfachverglasung dann bei starkem
Frost.
Und den hatten wir immer in den Wintern zu der Zeit.
Auch große Schneemengen waren keine Ausnahme, sondern die Regel.
Um für uns Kinder das Hineinschlüpfen in die kalten und durch Feuchtigkeit klammen Betten etwas
erträglicher zu machen, erhitzte unser Vater Ziegelsteine im Backofen, die dann mit Handtüchern
umwickelt unter die Bettdecken gelegt wurden.
Da wir ja zu dritt in einem Bett schliefen, wollte natürlich jeder in der Mitte liegen, weil es da
durch den Stein am wärmsten war.
Die „Heizung“ wurde dafür in Richtung unserer kalten Füße befördert, wo wir uns dann abwechselnd die
Füßchen wärmen konnten.
Das führte anfangs immer zu einem Gerangel.
Es dauerte schließlich auch nicht lange, bis die Wärme aus dem Stein verbraucht war.
Bis dahin allerdings hatten wir bereits die schlimmste Phase schon überstanden.
Eng aneinander geschmiegt, schliefen wir dann irgendwann ein.
Das Aufstehen aus dem jetzt natürlich kuschelig warmen Bettchen ins eisig kalte Zimmer war für uns
dann die nächste Tortur.
Schlotternd vor Kälte und mit gefrierender Atemluft, stiegen wir in unsere ebenfalls eisigen
Klamotten.
Meistens hatte unser Vater den Ofen in der Küche schon angefeuert, sodass wir uns alle darum
scharten, um uns wenigstens ein wenig wieder aufwärmen zu können.
Obwohl das nicht die angenehmsten Erinnerungen unserer Kindheit waren, so hielt der Winter aber auch
seine schönen Seiten für uns bereit.
Zum Beispiel Schneeballschlachten, Schneemänner wurden gebaut, oder Schlittenfahren.
Ostfriesland ist ein extrem flaches Land.
Man sagt deshalb ja auch, dass man am Mittwoch bereits sehen kann, wer am Sonntag zu Besuch
kommt.
Die einzige Möglichkeit für eine Schussfahrt mit unseren Schlitten bestand für uns auf dem alten
Friedhof, neben der imposanten Ludgeri Kirche.
Dieser Friedhof war ein riesiger Hügel mit einem uralten Baumbestand und schief stehenden
Grabsteinen.
Die letzte Beisetzung fand vor über 200 Jahren dort statt.
Es wäre die perfekte Kulisse für einen gruseligen Horrorfilm.
Tagsüber trauten wir uns, diesen unheimlichen Ort zu betreten.
Früher galt es für uns Kinder aber als besondere Mutprobe, diesen unheimlichen Hügel mit all seinen
zum Teil verfallenen Grabstätten und den urig gewachsenen Bäumen in der Dämmerung zu überwinden.